Jörg Nath


 „In Augenkontakt mit den Dingen sein, für die ich Wörter zu sammeln versuche.“

                                                                                                        Christoph Wilhelm Aigner

 

"Die Krähe

fürchtet die Krähe nicht

aber der Mensch

ist des Menschen

bangste Begegnung."

                                               Hilde Domin

Ambivalenter Hautkontakt (15.04.2024)

Inspiriert durch Dulon (1. Vers)

 

Wie Ferne, die sich häutet,

entblößt die Verzückung

das Gesicht ihrer Nähe,

scheut die Kartografie

der Zellen getränkten Landschaft.

Für einen schmerzlichen Moment

der Ewigkeit flaut der Wind

und die Haut treibt ziellos dahin.

 

Doch dann schält sich die Distanz

bis auf den Kern ihrer Wahrheit –

lässt das Netzwerk erzittern.

 

 

 

 

 

Absurdität (13.04.2024)

Inspiriert durch einen wundervollen Satz von Dulon:

„Verfolgt von Fehlern verfliegen sich Worte, verkehren die Richtung im widersinnigen Lauf …“

 

Und hin und wieder

werden die Fehler fokussiert,

nutzen die Absurdität digitaler Werte,

machen sich die Richtungswechsel zu eigen

zum Wohle der eigenen Bilder.

 

Und der Lauf der Geschichte –

wird nicht der deine sein.

 

 

 

 

 

Nähe kann unnahbar… (13.04.2024)

 

Beim Anblick der Flügel

spüren die Zellen die Distanz

zwischen Wunsch und Gegenwart.

 

Doch hinter der Iris zeichnet

die Sehnsucht Bilder in den Sand.

Bilder aus wundervollen Konturen

bis zur Umarmung der nächsten Welle.

 

 

 

 

 

Die Quelle (09.04.2024)

 

In dem zarten Pflänzchen

kaum größer als das Board,

wie es antritt, die Arme ausbreitet

und aufbricht – in eine neue Welt.

 

Oder dem Aufbruch der Knospen,

wenn sich die Lungen erneuern,

die Tristesse in Farbe tauchen und

den monochromen Stillstand durchbrechen.

 

Wenn das Ergebnis

jahrzehntelang gegangener Wege

im Vorübergehen die Luft mit Zuneigung füllt

und seine Verbindung unterstreicht.

 

Liegt die Quelle der Bedeutsamkeit

in der Wahrheit der Betrachtung?

So gebt den Blicken mehr Raum –

um sich zu entfalten.

 

 

 

 

 

Der eine – Nachtrag (07.04.2024)

 

Doch der eine,

der die Jahre trägt

und alle Stücke erinnert,

der den Felsen hinaufrollt,

er schweigt,

wird ihm die Feder gereicht.

 

 

 

 

 

Werden wir auferstehen? (02.04.2024)

 

Und es zog aus, das Wort

zog aus, um sich zu stellen

der Armee aus Nullen und Einsen,

die mit dem kalten Kalkül

einer überschätzten Existenz versehen

unaufhörlich das Fundament infiltrieren,

an der Hand nagen, die sie nährt.

 

Eine Armee auf dem Vormarsch,

befeuert durch die Unfähigkeit zur Stille,

dem Verlust der Bedeutsamkeit

und der Angst vor der Wahrheit des Kerns.

Eine Armee auf dem Weg,

die letzten Glieder zu durchtrennen.

 

Und am Ende,

wenn das Summen die Lieder verhüllt

und das Flackern der Bilder die Farben trübt,

wird über allem die Frage stehen:

Wenn die Glieder durchtrennt sind –

werden wir dann auferstehen?

 

 

 

 

 

Was kommt danach? (29.03.2024)

 

Wo sind die leichten Worte?

Die filigranen, flüchtigen Gewebe,

die gezielt die Gefühle punktieren

und neue Inspirationen gebären.

 

Müde sind sie alle

müde ob einer Sprache,

in der die Hässlichkeit

zäh wie Teer aus den Ohren tropft.

 

Was bedeutet die Abkehr

von der Schönheit der Worte?

Sind sie doch die Verbindung –

zwischen den Menschen.

Überfüllt (29.03.2024)

 

Wenn die bleichen Knochen der Realitätsklauen

in Sekunden das Gemälde eines Lebens zerreißen,

fällt die Frage:

War der Platz auf der Anklagebank reserviert?

 

Das ambivalente Lachen des Satzzeichens

hallt durch den überfüllten Saal

und alles wartet –

auf den Richterspruch.

Das Gewicht der Sekunden (26.03.2024)

 

Die Leere,

wenn sich der Schatten offenbart,

verschlingt das Universum

und der Fleck auf der Weste

wird zum Zentrum der Sekunden.

Abkehr der Farben (24.03.2024)

 

Auf den Windungen der Imagination

trampeln sie kreuz und quer unaufhörlich

wie in überfüllten Einkaufsstraßen.

 

Die Antworten tanzen auf der Zunge,

drehen sich im Hohn wieder und wieder

 

und hinter der Leinwand explodieren die Bilder,

bevor die Farben ihre Bedeutung entfalten.

 

Wird die Stille jemals wiederkehren?

Resümee (23.03.2024)

oder der etwas andere Frühling

 

In den Fasern eines ausgehungerten Körpers

durchbrechen die zarten Spitzen der Erneuerung

das Erdreich, greifen nach dem Licht,

welches unaufhörlich Tag für Tag

der Dunkelheit ihren Platz streitig macht.

 

Aus tausend Quellen bricht der Hoffnungsstrom,

bahnt sich seinen Weg durch die Kälte ins Zentrum,

um den Kern der Existenz zu befreien,

vom Staub einseitiger Realitäten.

 

Doch das Licht ist künstlich, ohne Seele,

und so fehlt der Baustein zur Entfaltung.

Und die Kraft und die Wildheit des Stroms

zerschellen an den Talsperren

einer monochromen Landschaft.

 

Was bleibt, ist die Erinnerung,

die Erinnerung an die Wärme des Frühlings,

an Berührungen ohne Schatten

und den farbenfrohen Flug der Worte.

leise (23.03.2024)

 

Wieder einmal fallen sie

viel zu früh,

die zarten Kirschblüten

segeln leise ins Vergessen.

 

Wieder einmal obsiegt die Kälte

über die Schönheit.

 

Könnt ihr es sehen?

Könnt ihr es spüren?

Wort (23.03.2024)

 

Wort,

du liebendes,

du Berührung.

 

Wort,

du Flügelschlag,

du Ewigkeit.

 

Wort,

du tödliche Waffe.

 

Wer dich missbraucht –

tritt auf die Seele des Lebens.

Wie lang (28.02.2024)

 

Wie lang

behält die Iris ihre Tiefe,

wenn ihre Farben nicht gespiegelt werden?

 

Wie lang

bewahren die Zellen ihr Feuer,

wenn der Funke nicht geschürt wird?

 

Und wie lang

überlebt die Kraft der Worte,

wenn ihre Bedeutung nicht getragen wird?

 

In den Laboren unseres Daseins

bleibt manches Experiment

hoffentlich unbeantwortet.

Beim Lesen der Gedichte Hilde Domins (28.02.2024)

 

Wie ein zerbrechliches Kleinod

halten dich fast schon zärtlich

meine staunenden Hände

aus Angst, nur ein einziges Wort

könnte herausfallen, unberührt.

 

Mit neuen Augen betrachte ich

nach all der Zeit deine Welt

staunend über die neuen Farben,

die neuen Gewänder.

 

Und wie lang wir auch

die Zukunft schreiben,

so ist doch eines gewiss –

ich freue mich schon jetzt

auf unser nächstes Treffen.

Worte (26.02.2024)

 

Worte

nicht gesprochen,

nicht gedacht –

liebevoll ausgetragen.

 

Worte

zu früh entlassen

mit schwachen Flügeln –

in den Wind dieser Zeit.

 

Worte

gefangen im Flächenland

des 21. Jahrhunderts.

Vergebt mir meine Ungeduld.

Vergebt mir meine Hoffnung.

Wo sind die Fingerspitzen,     (25.02.2024)

die den Dingen ihre Härte nehmen?

 

Wo sind die Blicke,

die das Land hinter dem Spiegel sehen?

 

Wo sind die Lippen,

die die Sprache der Fasern sprechen?

 

Sie sind flüchtig,

flüchtig wie die Gedanken.

Und am Ende nimmt das Papier

die Sehnsucht bei der Hand

und führt sie durch die Dunkelheit.

Nur das eine (23.02.2024)

 

Ich tauche meine Füße

in die Schrift der Wellen

und ihre Verse

brechen sich an meiner Sehnsucht.

 

Ich benetze meine Iris

mit den Farben der Morgenröte

und ihre Gemälde

zerspringen auf meiner Leinwand.

 

Ich fülle meine Lungen

mit dem Atem des Waldes

und sein Bouquet

erhebt meine Gedanken.

 

Und wenn ich mein Leben

in diese Welt entlasse,

so ist da nichts,

was mein Herz begehrt –

außer dem Gleichklang von Seelen.

Auflösung (20.02.2024)

Eine Betrachtung dreier Gemälde von Carmen Tyrrell

 

Die Intensität des Augenblicks spiegelt sich

in der Gegensätzlichkeit der Farben.

In der Vollkommenheit der Berührung

verliert die Zeit ihre Bedeutung,

zeigt sich die Schönheit der Vereinigung

und die Übereinstimmung der Zellen.

Sich auflösen im Herzschlag der Umarmung

und ihn zulassen – den süßen, unverfälschten Fall.

schweigend (19.02.2024)

 

Das Blut fließt

aus den Wunden

einer überschnellen Evolution.

 

Gibt es eine Abkehr

von der Gewöhnung

zum Wohle der Annäherung?

 

Wer führt die Herde

von den satten

immergrünen Weiden?

 

Das Blut fließt

und das Papier –

stellt keine Fragen.

Die Formel (18.02.2024) 

 

In den Kopf leeren Momenten

entweicht die Leidenschaft

der erzwungenen Form,

ergießt sich verheißungsvoll

in das eroberte Refugium.

 

Im Fokus der Ermangelung

erheben sich unzählige Wesen,

tanzen ungezügelt in die Nacht,

umarmen wortlos die Schatten.

Ihr wildes Spiel füllt die Schleifen,

entwaffnet die leeren Geräusche

und erschafft eine Ausfahrt.

 

In der Rückkehr ins Zentrum

liegt die Kraft der Analyse

und die Formel zeigt nichts –

außer der Einfachheit.

Weiße Flecke (18.02.2024) 

 

Im Zwiegespräch der Akteure

liegt die Kraft für den Aufbruch.

Durch das Licht der Akzeptanz

nähern sie sich behutsam,

Schritt für Schritt dem Kern.

Ist ihnen die Leere bewusst,

die ihre Abwesenheit erzeugt?

Die trostlosen weißen Flecke

auf dem Gemälde des Alters?

Ihre Beiträge erschaffen Welten.

Sehen und gesehen werden

durch das Glas der Erkenntnis

bis zum Erwachen der Symbiose,

dem Brunnen der Intensität,

der in sich die Farben birgt

für ein funktionierendes Gefüge.

Wie Faustschläge     (16.02.2024)

prasseln die Wortgefechte

emotionsgeladen an die Decke

des überfüllten Zimmers,

drücken auf den Sehnerv.

Immer wieder neue Gesichter

auf der Versammlung

der selbst ernannten Eigentümer.

Und sie alle kämpfen ihrer Natur gleich,

um Beachtung, wollen gehört werden.

Doch es sind so viele Sprachen

und so bleibt einmal mehr

das Treffen ohne Ergebnis.

Das Zimmer wird kleiner und –

ihre Gesichter verschwimmen.

Spürst du …? (16.02.2024) 

 

Es beginnt als leiser Hauch,

der im Rhythmus seiner Sehnsucht

das junge Schilf zärtlich biegt.

 

Sich steigert in ein leichtes Beben,

welches wieder und wieder

die Architektur der Verzückung belebt,

 

bis unzählige Schwärme aufschrecken,

die Wipfel des Verlangens befreien

in einem Rausch der Resonanz.

 

Spürst du den leisen Hauch?

Die Intensität seiner Sprache?

Dann lass deine Augen geschlossen –

wach nicht auf.

Erinnerst du …? (13.02.2024) 

 

Auf dem Meer der Erhaltung

ausgelassen die Grenzen verwischen.

Mit vollen Segeln uneinholbar,

bis der Wind seine Kraft verliert.

Dann in der Weite eine Stimme:

 

„Erinnerst du die Libelle,

wie sie den Augenblick

mit der Sprache ihres Fluges

aus der Zeit nimmt und ihre Neugier

von der Bedeutung der Gegenwart erzählt?“

 

„Erinnerst du den Schmetterling,

seinen flüchtigen Kuss,

wie er mit zarten Flügeln

das Geheimnis der Berührung

auf deiner Haut hinterlässt?“

 

Du erinnerst,

entfesselst die Worte –

und der Wind frischt auf.