Dieses Gästezimmer wurde vom Lübecker Lyriktreff eingerichtet, für die Autorinnen und Autoren, die interessante lyrische Texte in ihren Schubladen oder auf ihren Festplatten abgelegt haben und nun mit dem Gedanken spielen, sie zu veröffentlichen. Hier im Gästezimmer könnten sich diese Texte eine Weile zu Hause fühlen. Natürlich können wir keine Veröffentlichungsgarantie aussprechen, aber wir werden jeden Text aufmerksam lesen. Die Autoren und Autorinnen behalten alle ihre Rechte an ihren Texten. Die Betreuung des Gästezimmers übernimmt für den Lyriktreff Jacques Dulon. Er freut sich über konstruktive Rückmeldungen, inspirierende Anregungen und natürlich auch auf Ihre/Eure Gedichte, die er auf dieser Seite gerne beherbergt. Kontakt: gast@luebeckerlyriktreff.de

 

Für die Inhalte der Texte zeichnen sich die Gast-Lyriker*innen jeweils selbst verantwortlich.

September 2022

Iryna Sorokovska, Ukraine

 

 

The cage is all full of smell

Which one?

It is hard to tell.

And yet when touching it,

You are feeling it getting in!

 

It goes into skin so deep

Are you just some weird creep?

And yet who has ever said

That you cannot TOUCH a smell?

 

And fingers are grabbing the grid,

The cage starts creaking within.

Yet the skin does not care much,

It enjoys the invisible touch.

 

Juli 2022

Andy Hertz, Lübeck

 

 

Wirst du bei mir sein?

 

Wenn das Ende kommt

und es mich erwischt,

wenn mein Atem stockt

und mein Licht erlischt,

meine Spur sich ganz heimlich

im Dunkeln verliert,

wenn die Kälte naht

und die Seele gefriert,

 

wenn mein Herz

nicht mehr schlägt,

meine Hand

nicht mehr hält,

mein Körper erstarrt

und mein Mund nichts erzählt,

 

wirst Du bei mir sein

im Morgengrauen?

Kann ich mich drauf verlassen,

Kann ich darauf vertrau‘n?

 

Jeder hätte so gern

diese Sicherheit,

doch ist jeder allein

am Ende der Zeit.

Die Überfahrt

ist für einen allein

und drüben am Ufer

hört man auf

zu sein.

Foto: Andy Hertz
Foto: Andy Hertz

 

10 Fragen des Lübecker Lyriktreffs

 

Wer bist du?

  

Industriekauffrau, Sängerin, Liedermacherin, Geocacherin, Hobbyfotografin, Mutter, Ehefrau, Naturliebhaberin, Katzenbesitzerin, Vegetarierin, Optimistin und jemand, der an das Schicksal glaubt.

 

Was inspiriert dich?

 

Emotionen, Musik, Ereignisse, die mich berühren

 

Womit schreibst du am liebsten?

 

Wenn ich handschriftlich schreibe, statt zu tippen, dann sehr bewusst und schön mit einem Kalligraphiestift.

 

Was wäre eine Welt ohne Poesie für dich?

 

Ich mag meine Muttersprache, ich schreibe Texte in deutscher Sprache. Ich finde, sie gibt genug her und ist so vielfältig und ausdrucksstark. Ich liebe Worte, ich benutze viele Worte, ich fühle mich wohl damit. Und sie in eine künstlerische Form zu gießen, macht mir Spaß und ich erfreue mich daran, wenn ich gute Texte höre oder lese, die mich zum Nachdenken bringen.

 

Hast du Lieblingswörter?

 

Eine Menge. Ich mag Worte, die nicht oft benutzt werden und Worte oder Phrasen, die doppeldeutig sind. Und gibt es nicht so viele schöne Metaphern?

 

Wofür müsste ein Wort erfunden werden?

 

Ich glaube, dass das Wort Liebe einfach zu allgemein ist. Ich glaube, es müsste viel mehr Worte dafür geben. Das Wort Liebe wird so leichtfertig und so inflationär benutzt, dass es im Grunde immer erklärt werden müsste.

 

Gibt es verschwindende Wörter, die du gern retten würdest?

 

Ich benutze gern Worte, die aus der Mode gekommen sind. Gerade schrieb ich: Ich arbeite emsig vor mich hin. Wer sagt das schon noch... Meine Tochter wüsste nicht mehr, was emsig bedeutet. Ist doch schade drum.

 

Welches Zitat begleitet dich durch's Leben?

 

"Those who use their eyes obtain the most enjoyment and knowledge. Those who look but do not see, go away no wiser than they came." (Frederick Horniman’s phonograph speech, January 1898)

Ich las es, als ich in London war, über einer Kneipentür auf schwarzem Holz

Fast noch bedeutungsvoller ist für mich das Zitat aus Le petit prince: "On ne voit bien qu'avec le cœur. L'essentiel est invisible pour les yeux". (Antoine de Saint-Exupéry)

 

Welche Bücher würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen.

 

Weiß ich gar nicht. Ich glaube, ich würde selbst eines schreiben.

 

Welche "gute Medizin" würdest du der Welt gern verordnen?

 

Toleranz in hohen Dosen

 

Juni 2022

Marie von Kuck, Berlin

Marie von Kuck ist ausgebildete Puppenspielerin, Theatertherapeutin und Autorin für den Rundfunk. Sie schreibt Features, Hörspiele, Reportagen, Essays, Erzählungen und Gedichte.

 

Für ihre journalistischen Arbeiten erhielt sie zahlreiche Preise; u.a. den Deutschen Sozialpreis (2013), den Medienpreis des Deutschen Roten Kreuzes (2018), den Prix Europa, 2. Platz mit special recommendations (2018), den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2019), den Dokka Preis (2020), sowie die Nominierung für den Deutschen Radiopreis (2020).

 

 

 

Illustration: Soheyla Sadr
Illustration: Soheyla Sadr

 

 

 

Foto: WARTEN, Lübeck, Jacques Dulon (www.jacquesdulon.com/wia-luebeck)

Text und Sprecherin: Marie von Kuck

Geheimnisse aus einem hässlichen Haus

 

Habe meine müden Hände

auf dein Schulterblatt gelegt

(auf den Vorsprung, wo im Schatten,

wenn die Sonne morgen aufgeht,

ihre ersten Strahlen glänzen)

 

Deine liegt mir wie ein Vogel

dort im grünen Schilf im Schritt.

(Deine warmen Finger schlafen,

Silberfäden an den Spitzen,

in dem weichen Moos im Wald)

 

Meine Füße wandern ruhig

deine Wirbelsäule ab

(dort, wo in der Nacht das Dunkel

dunkler ist, als anderswo.)

(Deine träumen auf den Bäumen

zwischen Daumenspann und Kinn.)

 

Meinen Bauch, den hab ich wieder

in das flache Meer gelegt.

(Deinen wiegt ein kleines Segel,

aufgespannt am Himmelsrund)

 

Deine Ellenbogenspitze

klemmt mir zwischen Bein und Knie,

wo dein Atem wie ein Seewind

heult und mir das Haar zerzaust.

 

Deine Augen sind geschlossen,

(Wölfe traben durch die Nacht)

und mein Mund, der träumt von deinem,

schnappt nach ihm und beißt ihn sacht.

 

Wach nicht auf!

Die Wolken ziehen,

und ein leichter Regen fällt,

tropft und rinnt und küsst die Stellen,

zwischen Po und überall.

Glitzernd rinnt er in die Ritzen.

(Vögel strecken ihre Glieder

im Gestrüpp dort unter Laub)

 

Wach nicht auf, bis er vorüber.

Bis der Nebel sich erhebt.

Bis dort in den tiefen Schluchten

uns dein Drachen aufersteht.

(Meine Ungeduld, die hängt

noch dort - an dem Haken bei der Tür.)

Foto: SCHATTEN UNTERM LICHT, Frankfurt (Oder), Jacques Dulon www.jacquesdulon.com/frankfurt-oder

Sprecherin: Marie von Kuck, Text: Marie von Kuck & Jacques Dulon

Reiner Schubert, Leipzig

(Musiker, Musikdozent, Komponist, Lyriker, Foto-Künstler)

 

*** www.mundharmonikalive.de ***

und mit weiteren Fotos im *** www.jacquesdulon.com/guest-room ***

Foto: Reiner Schubert (https://www.jacquesdulon.com/guest-room)
Foto: Reiner Schubert (https://www.jacquesdulon.com/guest-room)

Barthold Hinrich Brockes (1680 - 1747)

 

Bedeutender deutscher Naturlyriker, seine Texte wurden u.a. von Johann Sebastian Bach,

Georg Friedrich Händel und Georg Phillip Telemann vertont

 

 

Du zeigst in deinem Werk die Schönheit,

mit der uns die Natur bedacht –

der Pflanzen helles Blütenfeuer,

von einem Sonnenstrahl entfacht.

 

Wie beim Gesang der Nachtigall

sich unser Herz mit Freude füllt,

wie unbeschwert das Spiel der Fische -

und Lebenslust aus allem quillt.

 

Du malst mit Worten deine Bilder,

schärfst zum Betrachten uns den Sinn.

Ich steh davor, begreif mit Ehrfurcht,

dass ich ein Teil des Ganzen bin.

 

Nicht alles, was der Mensch erschaffen,

verhilft ihm zur Glückseligkeit.

Natur vermag zu überdauern –

Manch anderes besiegt die Zeit.

 

Nur wenn man diesen großen Reichtum

zu hüten einmal ganz vergisst,

stirbt mit der Erde deine Botschaft:

„Was lebt, zu leben würdig ist“

Foto: Reiner Schubert (https://www.jacquesdulon.com/guest-room)
Foto: Reiner Schubert (https://www.jacquesdulon.com/guest-room)
Foto: Reiner Schubert (https://www.jacquesdulon.com/guest-room)
Foto: Reiner Schubert (https://www.jacquesdulon.com/guest-room)

Jorge Campero, La Paz, Bolivien

 

* * * Jorge Campero auf youtube * * *

 

Jorge Campero, Dichter und Herausgeber der folgenden Zeitschriften über Poesie: “El Telégrafo”, “Camarada Máuser”, “Siesta Nacional”, El Cielo de las Serpientes”, Zweifacher Preisträger (2001, 2002) des “Premio Nacional de Poesia Yolanda Bedregal”.

 

Von ihm sind bisher folgende Bücher erschienen: “Promiscuas” (1976), “A Boca de Jarro” (1979), “Arbol Eventual” (1983), “Sumarium común sobre vivos” (1985), “Corazón Ardiente” (2001), “Musa en Jeans Descolorido” (2001), “Jaguar Azul” (2002), “Tleriberta: Sinceramente tuyo” (2011), “Bodas de orégano” (2014), “Informe murciélago” zusammen mit Alejandro Canedo Peñaranda (2016), “Barbijo de plata” zusammen mit Ada Zapata, Benjamin Chávez, César Antezana und Alejandro Canedo Peñaranda (2022).

 

Sein Buch “Jaguar Azul” gehörte auf der 12. internationalen Buchmesse in Havanna (Kuba) zu den 10 wichtigsten Büchern Lateinamerikas.

 

 

El Jaguar Azul

 

Un señal del dios Uks

Arañas peludas de ónix extendieron trampas

En la oración con molares y garganta oscura

Te quisiera de nuevo conmigo para corretear al atardecer

Que escucharas la música de agua que has abandonado

El silencio de nuestras huellas

Hormigas presurosas sin nadita de sueño

Recorriendo los arboles

- Falos de la tierra -

La sangrienta caoba y una montaña

Tarde misamente no llega el sol

Y se necesitan camas de hojas

A la sombra tu carne se olisca

Viajando en círculos las canciones de las moscas verdes

Sobre tu costillar orificios de plomo olor a pólvora

Alimentada de frutos silvestres

Rios con peces y constelaciones

Y la sola tonada del monte naruru naruruuu

De rato en rato la oración fúnebre de las parabas

En la espesura viento y ramas continúan la ultima tormenta

Rememoro esa sangrante senda

Como eras todo

Lamí la pedrería para recogerte

 

El tiempo enseña que todo es agua

 

A cada tarde

Si la riada te devuelve…

Escarbando no te puedo encontrar

Tras la mirada del jaguar

En medio a medio

En alto sol en la loma

La brisa la oración de la tarde somos tu sepultura

Plata que la noche empolla

Y el monte no me pide te olvide del todo

Tengo que enterrarte bajo una piedra

Sembrarte para que luego vuelvas

Jaguar azul

Der blaue Jaguar

 

Ein Zeichen des Gottes Uks, Geist dieser Berge

Behaarte Spinnen aus Onyx öffneten ihre Münder

Ließen andachtsvoll ihre Zähne aufleuchten vor ihrem dunklen Schlund

Ich wünschte, du wärest wieder hier, um mit mir durch die Abenddämmerung zu ziehen

Und um der Musik der Wassers zu lauschen, die du verlassen hast,

der Stille unserer gemeinsamen Spuren.

Ruhelose Ameisen ganz ohne weitere Träume

umrunden die Stämme der Bäume

- Jeder ein Phallus der Erde -

aus blutigem Mahagoni, unüberwindbar,

Sie erzeugen hier Nacht, weil die Sonne den Boden nicht erreicht

Man benötigt jetzt nur ein Bett aus Blättern

Im Schatten duftet dein Körper

Und bewegt sich kreisend mit den Liedern der grünen Insekten

Über deiner weit geöffneten Brust pulverisiert sich der schwere Duft

essbarer Wildfrüchte

Die Ströme der Fische unserer Begierde

steigern sich mit den Bergwinden zu einem gemeinsamen Ton naruru naruruuu

Von Zeit zu Zeit erklingt der traurige Schrei von Papageien

in den Böen, wo die Äste noch erbeben zu ihrer letzten Erschütterung

Ich erinnere mich an diesen blutigen Pfad

Als du alles warst

Ein Quell´ der Juwelen, dich zu nehmen

 

Die Zeit lehrt uns, dass alles aus Wasser ist

 

An jedem Abend

wenn die Flut dich wiederbringt

und mich überwältigt, kann ich dich nicht finden

Nach dem Blick des Jaguars

mir direkt in die Augen

bei hochstehender Sonne auf einem Hügel,

oder im Luftzug einer Andacht am Abend, der dein Begräbnis ist.

Weil das Silber der Nacht gehört

und dem Berg, der mich nicht bittet, dich ganz zu vergessen,

muss ich dich unter einem Stein verscharren,

dich aussäen, damit du bald wiederkommst

Blauer Jaguar

 

(Übersetzung: Jacques Dulon)


 

 

 

Mai 2022

Andreas Oltzen, Lübeck

Noch so'n Einsamer

 

Ich habe

Weder Macht

Noch Zeichen

 

Nur

Die Erinnerung

An dich

 

Ich habe

Auch kein Haus

Und keinen Garten

 

Nur

Diese kleine Botschaft:

Ich vermisse dich

 

Ich bin

Kein Chef

Und auch kein Meister

 

Hab's

Nicht geschafft

Wie der und der

 

Ich bin

Der Traum,

Den du nie träumtest

 

Ich bin

Die Spur,

Die sich in dir verliert

 

10 Fragen des Lübecker Lyriktreffs

 

Wer, wie, was, warum bist du?

 

Vieles gleichzeitig.

 

Was macht dich glücklich / was inspiriert dich?

 

Weisheit, die ins Gelingen verliebt ist.

 

Wo, wie, womit schreibst du am liebsten?

 

In offener Stille.

 

Was wäre eine Welt ohne Poesie für dich?

 

Was wäre die Poesie ohne die Mit-Welt?

 

Hast du Lieblingswörter?

 

Mein Lieblingswort: DU.

 

Wofür müsste ein Wort erfunden werden?

 

Für ein Denken hin zur Zärtlichkeit.

 

Gibt es verschwindende Wörter, die du gerne retten würdest?

 

Wenn es solche Wörter gibt, rette ich sie durch mein Schreiben.

 

Hast du ein Zitat / Motto, das dich durch das Leben begleitet?

 

Psalm 23

 

Welche Bücher würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

 

Die Bibel, Tao-Te-King von Laotse, Lun Yū (Gespräche) von, mit und über Konfuzius

 

Welche "gute Medizin" würdest du der Welt gerne verordnen?

 

Heiterkeit