Soheyla Sadr

ohne sehnen

 

gesehnt
winterlang

bist du nicht gekommen
haben wir uns verpasst?

kann nicht länger warten
mein garten verdorrt

genau dort
nicht auf wolke sieben


werde ich mich jetzt
neu verlieben

in die eine
gegenwart

ohne warten
ohne sehnen

neujahrswindkind

 

das kind

rennt zur schaukel

gleich kann es fliegen

kreischen wie die möven

die über ihm segeln

 

die bäume

wiegen sich sanft

im stillen windgesang

wie sie es schon

immer getan

 

die sonne

macht sich auf

gleich unterzugehen

zum ersten mal

im neuen jahr -

 

was kümmert es sie

sie kreist in eigener zeit

unsichtbare lüfte tragen

ihre wunder weit -

zu uns

 

ich atme

die wunder

das kreischen

das wiegen

den gesang

 

so werde ich zum

neujahrswindkind

phönix ist

 

wenn der phönix

in seiner asche erwacht

hat er kein stolzes gefieder

kann sich kaum entsinnen

dass er ein vogel war -

 

ist

 

allein

durch seinen mut

will er sich erheben

denn er liebt das leben

und die liebe lässt sein herz beben

so, nur so, kann er wieder

gen himmel streben -

 

sich neue flügel

wachsen zu lassen

 

 fluggefährten

 

als ich

zum stoßlüften

das fenster öffne

in meiner guten stube

hochparterre, störe ich einen

schwarzgefiederten vogel gegenüber

beim aufpicken seiner mülltonnenmahlzeit

er beäugt mich krächzend, argwöhnisch. ha!

denkt wohl, ich könne fliegen, ihm

gar sein essen streitig machen

 

die aufgepickte mülltüte, die

aus der weihnachtstageüberfüllten

tonne ragt, knistert nun flatternd im wind

vielleicht meint auch sie

fliegen zu können?

 

wir drei wären doch

seltsame fluggefährten:

krähe, mülltüte, poetin!

 

 

 

Ein neuer, gar nicht so neuer lyrischer Shortie von mir. Dies war mein allererstes kleines "Gedichtvideo" - ich habe es vor zwei Jahren gemacht, als ich gerade versuchte, mir selbst das Produzieren von Videos beizubringen ...

 zwischen den jahren

 

schneestill im

blauestundenleuchten

sanft durchatmen

 

vertrauensvoll

innehalten

 

ohne je zu wissen wie

frühlingskräftewunder

wachsen lassen

 

neue lieder erträumen

dein herz dem segen

zuwenden, weitoffen

 

im werdenden lächeln

entstehen neue wege

für dich

 

 

als in dieser zeit

 

 

als in dieser zeit

nach abermillionen jahren

der göttlich genannte weltenklang jäh

abbrach, war es also still in der

kirre lauten, brennenden welt?

 

die krone der schöpfung hatte schlicht

das staunen verlernt. ohne demut wütete

homo sapiens blind marodierend durch

der großen mutter erde leib. ihre seele

zertrat er mit kaltem kriegsgerät

 

stumpf stimmten die massen ein

in den marschierenden untergangschor

generation Z bäumte sich noch einmal auf

ein rest feierte, was er kriegen konnte

jetzt, da es doch für alles zu spät

 

einige, mit rosa brillen, tanzten weiter

um sich selbst herum - mit positivdenken

und mülltrennen würde es schon werden

 

die zyniker triumphierten nun vereint

mit gierenden egoisten, pessimisten,

zerstörern, hasserfüllten eliteetagen

 

es gab nun, wahrlich, kaum hoffnung

die welt stand still im verstummten

wunderlichterweltenklang -

 

der ja doch ewiglich weitersang

 

baraye ... weil
(Freie Übersetzung nach dem Lied "Baraye" von Shervin Hadjipur)

weil wir frei sein wollen, in den straßen zu tanzen
    weil wir angst haben, wenn wir uns küssen

wegen meiner schwester, deiner schwester, allen schwestern
    weil wir diese dummen denkmauern endlich niederreißen müssen

weil wir zusammenbrechen aus scham über unsere leeren taschen
    weil ein einfaches leben alles ist, wonach wir uns sehnen

wegen der kinder, die auf müllhalden leben, die nicht wissen, was träume sind
    wegen der korrupten wirtschaft

weil abgaswolken die luft, die wir atmen, verschmutzen
    wegen der alleen, in denen die bäume verdorren

wegen des letzten berglöwens, den wir pirooz nennen - sieger
    wegen der harmlosen haushunde, die eingeschläfert werden

wegen der endlosen tränen, die wir weinen
    weil wir uns danach sehnen, mit unseren liebsten auf dem sofa sitzen zu können

für den tag, an dem wir alle in lachende gesichter schauen können
    wegen der studenten und ihrer zukunft

wegen dieses aufgezwungenen paradieses, das sie uns versprechen
    weil unsere hellsten sterne eingesperrt sind

wegen der geflohenen afghanischen kinder
    weil all diese "weils" nie enden

wegen der hohlen slogans, die sie uns aufzwingen
    wegen der schlecht gebauten häuser, die über uns einstürzen

weil sich unsere seelen nach frieden sehnen
    weil wir auf die sonne warten nach einer endlosen nacht

wegen all der pillen gegen angst und schlaflosigkeit

 

für das mädchen, das sich wünschte, als junge geboren zu sein
   für frauen! leben! freiheit!

 

 

zan! zendegi! azadi!

 

In der Hoffnung auf Frieden und Freiheit für alle Menschen auf dieser Erde habe ich mich an diese freie Übersetzung gewagt - über fünf Hilfsbrücken, da ich kein Farsi spreche ... Die einzelnen Zeilen des Liedtextes hat der Musiker aus Posts von Iranern zusammengestellt - sie beschreiben, warum sie jetzt auf die Straße gehen.

gedankentanz, dichter

 

im spannungsfeld

von wilder freiheit,

essentieller form

 

dem gänseblum

ein königreich

verschreiben

 

rätsel fischen, über

ihren schuppenglanz

reime staunen

 

wunden endlich

mit wunderworten

wohl versorgen

 

augenblicken schenken

was ihnen gebührt :

dein reiches leben

 

alchemisch tief graben

kopfflügel weiten, so

wagemutig fliegen

 

im eigenrhythmus der

erlauschten herzklänge

aus der alltagsenge

 

welten erträumen

ein gedicht lang

wahrhaftig frei

dieser unfassbar schöne moment

bisher nur postkarten

 

willst du gut leben

lerne früh auch das sterben

 

am ende des tages gib dich

dem dunklen schlaf ganz hin

 

nach einem einatmen

lasse die luft bewusst los

 

das rauschende fest -

höre die stille danach

 

erkenne sattheit -

wenn es eben genug ist

 

das schönste lied

hat sieben strophen

 

geh in winters kälte

buchstabiere sie, deutlich

 

halte auch mal inne

widerstehe dem gieren

 

tanze wagemutig tango

mit deiner angst ...

 

wer das kleine sterben

wirklich wahrlich erlebt

 

vermag es am ende wohl

furchloser den fremden tod

 

der bisher nur postkarten schickte

willkommen zu heißen?

doch nun sah er

 

durch seine brille

sah er nicht

 

die abgründe

 

hörte kaum das

surrende rumoren

 

sein film war

mit happy end

 

wenn er innehielt

konnte er ahnen -

 

nicht alles hier

war rund und bunt

 

als er dann aus

allen wolken fiel

 

war es ja noch

das gleiche bild

 

doch nun sah er:

es war kalt

noch nicht genug

 

ich kann, immer noch

wunder bestaunen

 

wie ein kind haltlos

im jetzt tanzen

 

mich unbändig freuen

über den vollen mond

 

das firmament grenzenlos

mit rätseln bemalen

 

schmunzeln - gar nicht

weil, sondern trotz

 

das kleine gänseblümchen

von herzen lieben

 

mit aufrichtigem dank

schwere tage verabschieden

 

am morgen wahrlich

neu erwachen

 

sternenlichtwege gehen

unwissend gegenwärtig

sein

 

wagemutig vergeben

mein hasenherz aufmachen

 

immer wieder aufs neue

an das gute glauben

 

der sonne zuzwinkern

das grau verzaubern

 

singen, oh ja, singen

neue kräfte erringen

 

lassen -

doch auch halten

 

das verzagen umarmen

neugierde entfachen

 

wahrlich, ich hab

noch nicht genug

drei große zeichen

 

das haus gegenüber

ist frisch renoviert -

akribisch, mattgrau

wurde das mittelalterliche

gemäuer neu gemalert

 

ein hausmeister

im gebügelten blaumann

sorgt immer für ordnung

ich seh ihn täglich fegen

mit ernstseriöser miene

 

in sieben jahren

hat er nicht ein mal

meinen inzwischen

verstummten gruß

erwiedert

 

eben lief da ein mädchen

blaue farbe in der hand -

im vorübergehen malte sie

drei große zeichen auf

die gesäuberte wand

 

ein leises schmunzeln

konnte ... wollte ich

mir nicht verkneifen

mama ellas

küchenschwelle

 

gegen mitternacht

löffle ich warmes

reineclaudenmus

aus dem kochtopf

 

auf einmal ist mir

mama ganz nah - nicht

die sie am schier

endlosen ende war

 

wenn mama früher

früchte einmachte

pfiff sie tonlos

froh vor sich hin in

aromareich reifem

spätsommerduft

 

ein salztropfen

fällt jetzt in

mein süßes mus -

in meine helle

gelbleuchtende

erinnerung ...

 

ich stehe wieder

freudig wippend

auf mama ellas

küchenschwelle

ich schau

 

mit mildem

herz auf dich

aus der ferne

die ich brauche

zum - immer noch

kindwundenlecken -

ein wesentlich teil

von mir hängt fest

trostlos vernarbt

in vergangnen

ecken

 

nun werde ich

schon grau, suche

endlich in mir die

frau, auf die ich

schauen kann mit

meinem wundermilden

schmerzmüden herz

aus der nähe die

ich brauche um

endlich ich

zu werden -

 

zu sein

deine schönheit

 

gegen jedwede vernunft

bildet sich, segensreich

mitten im tosenden lärm

ganz leise neues sein

 

es ist wahrlich dein

geschenk des himmels

 

aus all dem dir zerrissenen

fügt sich nun ein neuer

mosaikhautmantel

 

deine schönheit leuchtet

an seinen bruchkanten

wahrhaftig tief auf

alt werden

seelenfalten
lieben lernen

poesie leben :
nicht müde werden

schmunzelnd
manchen traum
frischgewaschen
zusammengelegt

im lavendelschrank
aufbewahren - für

die guten tage
also jetzt

scherbensteg

 

gehst du nur mutig voran

entsteht aus dem nebelnichts

das blind vor dir aufklafft

ein schmaler scherbensteg

 

ein weg - genau so breit

wie dein einsamer fuß

 

wenn du jetzt aber tanzt

ohne dich zu fürchten

werden die tiefen wolken

dich tragen - weit

 

in fremd lichte wunder-

länder, die endlich dir

heimat sein können

 

gehtst du nur mutig voran

mosaikbrücken

 

wir sitzen fest

im scherbenhaufen

keinen schritt

kann man - so

weiterlaufen

 

lass uns zusammen

wieder aufstehen

gemeinsam werden

wir wohl neue

wege sehen

 

aus all den

zerbrochenen

stücken bauen

wir miteinander

mosaikbrücken

 

ich glaube

hand in hand

wird es uns

glücken

klick

 

als die feuerwehrautorote
nähmaschine, baujahr 1994
zu mir zog - vorgestern -
fehlten ihr zwei teile


während ich im weltnetz
danach wühlte, wieder mal
ein aufgeregtes flatterhuhn
in unbekanntem fremdland

stellte ich seltsames fest:

meine flohmarktfundmaschine

hat wohl magische kräfte

sie war das fehlende teil
in meiner lückengeschichte
sie machte plötzlich klick


auf einmal fügt sich nun

was zu lang in haltloser

luft hing - zusammen

am nachtfirmament, sein

schalter endlich wieder

auf on, blinkte eben

für einen moment

ein wort auf


zuhause

zum werdenden licht

 

im nussschalenboot

allein, in seenot

 

das schwarze firmament

 

zeigt einen stern

undenkbar fern

 

doch er leuchtet dir den weg -

ein vager hoffnungssteg

 

du besingst nun leise

die raue nachtmeerreise

 

blind, bang

unendlich lang

 

verzagst du nicht

bis zum werdenden licht

 

das man neuen tag nennt

sieben wunder

 

ich will wieder

an sieben wunder

glauben lass mir die

zuversicht nicht mehr

rauben klettere endlich

aus diesem schweigenden

elfenbeinturm über alle

kalten schutzmauern, die

keinen einzigen schmerz

verhindern, zurück

ins leben

verwegen

 

ein pfeifender

nachtspazierer

zieht mich aus

meinem kopfkino

an das gekippte

küchenfenster –

ich staune, dort

duftet die luft

schon nach

frühling

 

im vorübergehen

schenkt mir dieser

schlenderer noch

nonchalant die

entdeckung des

sternenhimmels

 

als ich, anders

an meinen

flachhorizont

zurückkehre

klicke ich

verwegen den

ausschaltknopf

grenzenrand

 

jäh an eine grenze gelangt – sie stieß an ihren inneren

rand. da verließ sie der mut. keinen schritt weiter, sie

konnte nicht mehr. dieses stumpfe dröhnen in ihren

tauben ohren, zu lange unerhört. so harrte sie im regen

hielt sich fest am schirm und fragte stumm was nun?

 

da streifte sie ein strotz mit weit ausgestrecktem arm,

brummte im vorübergehen sanft nur mut. seine augen

schauten nicht tief in sie hinein, es war, als sähe er weit

hinaus. seinem blick folgend, überwand sie den grenzen-

rand und konnte nun doch einen schritt weitergehen.

Culture Codes

 

Eine Liebeserklärung an die Kunst und ihre Schöpfer*innen. Dieses Video habe ich mit viel Freude für die Culture Codes produziert - eine Art Straßen-Ausstellung des Bürgerhauses Barmbek in Hamburg: was wären wir wohl, wir menschen, ohne kunst?

ein unerkannter engel

 

zwischen stressknoten

www-irrsinn, alltagsgrau

konnten herz und kopf

keine freie leitung finden

 

der tag, wonniglich mai

duftend, sonnenschön

hing an mir wie blei

ging sinnenlos vorbei

 

ich zwang mich dann

wenigstens ein wenig

nach draußen zu gehen

um tageslicht zu sehen

 

landete irgendwie - wie nur?

am schönsten ort der stadt

hatte ihn schon vergessen

meinen liebsten kirschbaum

er stand gerade jetzt

in vollem blütentraum

 

auf der bank darunter -

eine uralte mit rollator

freute sich still an der

frühlingspracht

 

ich sah sie und doch nicht

zu dunkel mein innenlicht

wollte gerade weiterhetzen

da warf sich wohl ein unerkannter

engel zwischen mich und die zeit

er baute mir eine zarte brücke -

 

die weise lächelnde weißhaarige

erhob sich nun wie eine schnecke

u n d  k a m  i m  t a i - c h i - t e m p o  a u f  m i c h  z u . . .

 

als sie schließlich

neben mir stand

nickte sie sanft

als wären wir freunde

schon ewig bekannt

 

nun endlich konnte ich zurück-

kehren ins licht der gegenwart

sah der hinkenden nach, bis sie

hinter dem tor verschwand und

fand mich - in neuem gewand

das hellste dunkel, ohne namen

                                           für p e n g !

 

dieser unendliche punkt

an dem kosmen sich begegnen –

hier brauchen sie keine namen

 

der eine augenblick

ohne zeit uns geschenkt

kennt kein ende, keinen beginn

 

das dunkle das

am hellsten leuchtet

im weltenwunder –

 

alle unsichtbaren sphären

währen in meinen

herzaugen

 

und verglühen

und

.

in der sprache eines traumes

mondflügel

 

heutabend schien der mond halb, matt

beschnitten vom fernen schattenmacher

fast umhüllt, im wolkengespinstkokon

als wolle er sich verpuppen, winterlang.

zur genüge im erdenkraftkreis gedreht

vielmilliarden jahre im universumsgefüge

fern von sonnenarmen, sterngesellen -

will er sich wohl flügel wachsen lassen

und nächstes jahr im mai, kugelrund

im freien flug galaxien bereisen?

Ilu aus meinem Buch "Zufallsengel", Vier Türme Verlag

am grund

 

vom stillen gesang des lichts

ein großes staunen erhebt den blick

heilig verbundene wege ins nichts

künden vom sanften, freundlichen ja

ja, heimgekehrt ins menschental

vom herz, das endlich wieder sah

flügelspannenweit von qual zu qual -

am grund kehrt das hoffen zurück

Ilu aus meinem Buch "Zufallsengel", Vier Türme Verlag

nachtsonne

auch an wintertagen, dunkelkalten

 

als ich dir sage, dass ich dich liebe

konterst du, liebe wäre zu allgemein

wenn ich also bei dir bliebe

müsse mein ziel klar sein

 

ich soll sagen, was ich will, erwarte

genau definieren, was du mir seist

ha! so vergeht doch alles zarte -

ich vergess kurz, wie du heißt

 

dieses bei uns sein, das so warm singt

so wortlos reich, frei, licht, bejahend

ohne zu fragen, was es denn bringt

lachend, tief, nährend, nahend

 

nicht definieren, lieber vertrauen

wagen, zaubern, gegenwärtig sein

vielleicht auch - ein zuhause bauen

aus erdenholz und fliessgestein

 

ich liebe, dass wir verschieden sind

uns immer auch wachsen lassen

unbändig, lauter und auch mal kind

wandern auf abwegigen straßen

 

wenn ich sage, dass ich dich liebe

will ich dich nicht engen oder halten

ich will dir sagen, dass ich bliebe

auch an wintertagen, dunkelkalten

wenn ich einmal mein leben zaubern könnte

Ilu aus meinem Buch "Zufallsengel", Vier Türme Verlag

reim für tage, wenn nichts mehr geht

Diesen Shortie habe ich für Freunde gemacht. Ein Reimchen mit Augenzwinkern - für dunkle Tage.

Die erste Amsel

sein tag liess sich leicht berechnen

schenkte ihm jemand ein lÄcheln

so war alles gut, er kam zurecht

doch schaute nur einer kurz bÖse

ging es ihm hundsgemein schlecht

bis ein neues lÄcheln ihn erlÖste.